Religiöses

 

 

Getauft bin ich auf den Namen Klaus Johannes Wolf. Klaus ist der Rufname. Johannes steht für das Erbe meines Großvaters mütterlicherseits. Johannes war der Jünger, den Jesus sehr schätzte. Am 12. März 1967 wurde ich konfirmiert. Mein Konfirmationsspruch lautet: „Ich habe dich lieb! spricht der Herr.“ Unter diesem Wort könnte auch mein zweiter Vorname „Johannes“ seine Bedeutung haben.

 

Das Gebet meiner Mutter mit dem sie in der Nacht, nachdem mein Vater gestorben war, für sich und ihre Familie Halt suchte, war und ist wie ein Vermächtnis: „Führe uns, Gott, den rech-ten Weg, und gib uns die Kraft ihn zu gehen.“ Nach meinem Verständnis liegen meine religiö-sen Beziehungen in diesem Gebet begründet.

 

Meine geistlichen Vorbilder sind:

 

Philippus: Er war zur rechten Zeit am rechten Ort. Noch in der Hauptstadt Samarias, dann in der Wüste (von Jerusalem nach Gaza). Danach fand man ihn in Asdod und er zog über die Dörfer bis er nach Cäsarea kam. Folgt man meinem Lebenslauf, so stellt man fest, dass auch es auch in meinem Leben keinen festen Ort gegeben hat. Immer, wenn Veränderungen an-standen, folgte ich dem Ruf meines Herzens. An jedem Ort aber brachte ich mich ein.

 

Heiliger Franziskus: Er hat seine berufliche Karriere aufgegeben, um ein ungeteiltes Leben für die christlichen Werte zu erlangen.

Heiliger Benedikt:: Seine Regel: ora et labora – bete und arbeite.

Von beiden kann man lernen, dass Arbeiten lebensnotwendig ist, aber die materiellen Dinge nicht das Maß sind.

 

Martin Luther: Mit seinen Thesen hat er auf die Werte des Glaubens hingewiesen und auf die Verantwortung für alles Tun und Lassen. Auf die Bejahung einer unvoreingenommenen Liebe Gottes und auf die Bejahung der eigenen Begrenztheit kommt es im Glauben an. Ebenso wich-tig ist die Einsicht, dass alles Tun und Lassen Konsequenzen hat. Luther selbst stellte sich un-beirrt seinen Richtern. Gott ist nicht der, der mir die Verantwortung abnimmt, Vielmehr, in dem er mich zur Verantwortung ruft (Adam, wo bist du!), habe ich die Chance, das Beste aus meinem Leben zu machen.

 

Die Witwe von Zarpath: Sie war arm, hatte nur eine Handvoll Mehl und ein wenig Öl. Buk dar-aus ein kleines Gebäck für den Propheten Elia, danach für sich und für ihren Sohn, und das Mehl verzehrte sich nicht, und das Öl ging nicht aus, bis wieder Regen über das Land kam. Sie teilte, weil sie glaubte.

 

Der greise Simeon: Er warte auf die „Tröstung Israels“, und er sollte den Tod nicht eher sehen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen hätte. Warten auf den rechten Zeitpunkt (Kairos = die erfüllte Zeit) und dann Loslassen.

 

Der barmherzige Vater: Er lässt seinen Sohn gehen, zahlt ihm seinen Erbteil aus. Nachdem der Sohn mit seinem Leben Schiffbruch erlitten hatte, kehrte er wieder zu seinem Vater zurück. Und der Vater nimmt ihn von ganzem Herzen wieder auf.

 

Der Maulbronner Brunnen stellt für mich bildhaft das Verhältnis zwischen Gott und Mensch dar. Aus der Quelle speist der Brunnen die Schalen. Diese wiederum geben an die anderen Scha-len ab. Und die untere Schale schließlich gibt an die Quelle zurück, was sie von den anderen Schalen – und somit von der Quelle selbst – empfangen hat. So entsteht ein ewiger Kreislauf von Nehmen und Geben und Geben und Nehmen. Das ist für mich Lebenssinn.

 

Mein persönlicher Nachruf zum Tode von meiner Mutter - 13. Dezember 2012

Ich weiß nicht, ob ich trauern soll oder mich freuen. Die Freude überwiegt.

Das letzte Jahr - ihre letzte Wegstrecke - hat sie sehr bewusst zurückgelegt. Sie war "nur" zum Arzt gegangen, hatte im Haus alles stehen und liegen gelassen und kam nicht mehr zurück: Krankenhaus und Pflegeheim waren ihre letzten Lebensstationen. Allmählich, aber merklich löste sie sich vom "Alten" und richtete sich im "Neuen" ein. Sie übergab einen Teil der Verantwortung an uns, ihre Kinder. Sie war dankbar, dass wir ihr zur Seite gestanden haben - jeder mit seiner Gabe. Sie nahm unsere Worte und Liebesdienste dankbar an. Sie lebte schließlich ihre "Lebenslosung". Das letzte Foto von ihr aus ihrem Leben spiegelt den Übergang wider. Bleich wie ihr Bettzeug, deutet auf das nahe Lebensende hin; das Lächeln, das ihr Gesicht durchzieht, die Ewigkeit. Meine Mutter hatte ihr "Ja" gegeben.

Ich habe sie durch viele Stationen unseres Lebens erlebt. In der Nacht in der mein Vater tödlich verunglückte, war das Gebet eine Kraftquelle: "Gott, führe und den rechten Weg, und gibt uns die Kraft ihn zu gehen." Sie stand danach für "zwei", gab uns ein Zuhause - nicht nur uns, sondern auch ihren Enkeln und Urenkeln. Immer wieder brachte sie zum Ausdruck, dass sie sich seit dem an den Kriegerwitwen orientierte, die ihre Kinder alleine großziehen mussten. Die kleine Frau hatte ein Häuschen für sich und uns gebaut und den Garten angelegt (mit Pickel und Grabgabel). Sie ist uns in unseren Krisen beigestanden. Oftmals hat sie sich mehr zurückgenommen, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Sie hat uns Freiräume gelassen. Wir durften unsere Wege gehen. Nicht immer war sie damit glücklich, aber sie wusste um ihr Gebet. Sie war offen. Nie stand der Haussegen schief. Immer fand sie die richtigen Worte oder Gesten, die nach einem Hauskrach Versöhnung brachten. Sie wusste, dass sie Schwächen hatte und gestand sie ein. Sie war in soweit ganz Mensch. Ich glaube, das Geheimnis ihres Lebens, ist und bleibt, dass zwischen ihr und uns die Täler aufgefüllt und die Berge abgetragen wurden. Nichts Unausgesprochenenes bleibt zurück. So konnte sie auch in Frieden einschlafen. Nicht nur uns, ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln hatte sie ein Zuhause gegeben. Auch vielen Menschen, die zu ihr kamen. Und wenn ich sie so hörte, war sie auch im Pflegeheim jemand, mit dem man sich gerne unterhielt. Hier wird sie eine Lücke hinterlassen.

Ihren Lebensfaden habe ich aufgenommen.

 

Ich sehe mich nicht so sehr in der Tradition der Kirchen verwurzelt. Vielmehr versuche ich an dem zu orientieren, was von Paulus mit dem "Hohen Lied der Liebe" überliefert ist (1. Kor. 13, 4 - 7). Mit meinem Film "Der Unfertige" mache ich den Versuch, mich mit meiner Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. Nicht das Perfekte, sondern das Bejaen meiner Möglichkeiten, das Er-kennen meiner Fähigkeiten und gelegentliche Überschreiten der vermeintlichen Grenzen, das Annehmen neuer Herausforderungen haben mein bisheriges Leben geprägt - oft entgegen der Norm und oft mit beharrlichem Widerstand. In meinem Film sitze ich in weiten Teilen nackt und in Ketten auf meinem Bett.

 

Aus dem Hintergrund hört man die Stimme des Filmmachers: "Möchtest du dich vorstellen?" Ich antworte: "Also. ODW-Gay. Oder Gollum. Oder Klaus. 60 Jahre alt, schwul, Sklave. Die Abkürzung ODW steht für Odenwald, eine ländliche Region zwi-schen Neckar, Rhein und Main. Und die Selbstbezeichnung Gollum (nach der Herr-der-Ringe-Figur) hat damit zu tun, dass die Ohren und rechte Schulter ein wenig deformiert sind und dies bei meinem Nacktsein besonders herausstechen. Das Nacktsein ist für mich die Urform der menschlichen Schöpfung - die schlichte Offenbarung der Persönlichkeit. Ich habe - nach lan-gem Ringen - mich selbst gefunden. Die entscheidenden Schritte habe ich in den letzten Jah-ren getan: mein Umzug nach Berlin, das Fotoschooting,der Film und das Theaterstück.