„Silversex“

Theaterstück mit den Lovefuckers Berlin

 

Premiere 19. / 20.05.2016

 

Für eine Theaterperfonance an den Berliner Sophiensaelen wurde ich angefragt, als Protagonist mitzuwirken.

 

Die Spielfläche ist leer. Hinten gibt es einen Vorhang, auf den Videoaufnahmen der Interviews projiziert werden, die die Gruppe vorab geführt hat. Doch zuerst betreten die beiden Hauptdarsteller selbst die Bühne. Sie sind nackt.

Unangenehme Fragen. Wer denkt schon gern über die Probleme des Altseins nach? Doch in den Interviews sind ziemlich lebenslustige Rentner zu sehen. Vor der Kamera sprachen natürlich nur die, denen das Thema nicht peinlich ist. Andere ließen sich per Telefon interviewen. In den Geschichten, die an dem Abend erzählt werden, ist immer wieder von Überraschungen die Rede, die verschiedene Lebensabschnitte bereithalten. Offenheit ist gefragt - und das nicht nur im Sexleben.

(Deutschlandfunk, Oliver Kranz, 2016)

 

Und nun erlebe ich einen begeisterten Auftritt in den Sophiensaelen in Berlin. Ich bin glücklich über das Zusammenspiel mit der Gruppe. Die Theatermacher sind auf meine Bedürfnisse eingegangen. Von Beginn an nehme ich an der Weiterentwicklung des Stückes teil. Mein Part ist mich selbst darzustellen, meine Ausdrucksweise sichtbar zu machen und einfach auf das Publikum wirken zu lassen, als einer von mehreren "Silver-Age", die in dem Bühnenwerk vorgestellt werden.

„Der Unfertige“ von Jan Soldat

Premiere 15. / 16.11.2013 in Rom

 

Weit kommt er nicht: zwei, drei Schritte auf die Kamera zu, dann halten ihn die Ketten zurück, die zur schlichten Bettstätte hinter ihm führen. Nackt, verwundbar, entblößt und doch in seinem nervösen, gedrungenen Schalk eigensinnig souverän steht er nun vor uns. Ein Gefangener nicht nur der Ketten, die schwer an ihm hängen, sondern auch des unverwandt starren Bildkaders, der vom Raum nur wenig mehr preisgibt als das Bett, auf dem sich dieser Mann uns eingangs vorstellt: „Odenwald-Gay. Oder Gollum. Oder Klaus! 60 Jahre alt, schwul. Sklave!“

(TAZ, Thomas Groh, 2014)

 

Vor drei Jahren begegnete ich Jan Soldat, einem Filmemacher. Mit ihm habe ich den Film "Der Unfertige" gedreht. Als wir (Jan und ich) uns zur ersten Begegnung trafen, war ich auch schon nackt. Er war zu Beginn etwas irritiert, weil es für ihn eben ungewöhnlich war, weil er selten nackten Menschen so lange gegenüber saß. Einen nackten Menschen anzusehen bedeutet, ihn vor sich zu haben wie er ist. Dies war auch meine Absicht. Er hatte verstanden, dass es zu mir gehört mich so zu zeigen, wie er eben mit Jeans und Pullover rumlaufe. Ich, das sind meine Synonyme „odwgay“ und „Gollum“.

 

Letzeres wurde mir zugeteilt weil ich an die Figur aus dem Film „Herr der Ringe“ erinnere. „Gollum“ wiederum leitet sich von der Sagengestalt „Golem“ ab; was so viel bedeutet wie „der Unfertige“. Es geht mir um ein Rollenspiel. Es ist mir ein Anliegen, mich während des Films nackt zu zeigen. Als Sklave ist dies möglich. Hals-, Fuß- und Armbänder trage ich als Sklave, weil ich mich nach Ketten sehne. Angekettet merke ich, dass sich mein Bewegungsradius eingeschränkt hat. Der Film ist eine Auseinandersetzung mit meinem Lebensschicksal.

Fotoshooting 2011

c-k-photo.de

 

 

Als ich vor rund 16 Jahren den Theatermacher Jürgen Flügge kennenlernte, dachte ich noch nicht daran einmal vor Publikum aufzutreten. Ich war damals noch sehr schüchtern und in meinem "Minderwertigkeitskomplex" gefangen. "Da, wo 50 Leute sich versammeln, sind 100 zuviel," so meine Gefühle damals. Jürgen Flügge - auf der Suche nach jemanden, der ihn bei der Steuer unterstützt - kam zu mir, als ich gerade in das Odenwalddorf Grasellenbach-Scharbach umgezogen war. Er erzählte mir von seinem Projekt Hoftheater Tromm, und er lud mich zu einer Vorstellung ein.

 

Es war eine Kindervorstellung, die mein Leben veränderte. Ich wurde von dem Stück so berührt. Es griff ein Thema auf, welches mich über 40 Jahre beschäftigt hatte. Nach der Vorstellung fasste ich mir ein Herz, sprach die beiden Schauspielerinnen an, und erzählte von meinen Gefühlen, die ich während der Vorstellung hatte.

Ich lernte Jan Gebauer, einen jungen Schauspieler, der auf der Tromm gastierte, kennen und wir freundeten uns an. Auch mit ihm kam ich ins Gespräch.

 

Und schließlich an meinem 50. Geburtstag hatte ich ein Erlebnis, das den Durchbruch schaffte. Bülent Ceylan war zu Gast auf der Tromm. Er ergab sich, dass wir an diesem Abend in einen Schlagabtausch zwischen dem kurpfälzierischen und schwäbischen Dialekt getreten sind. Es hat uns beiden mächtig Spaß gemacht. Bülent bat mich am Ende auf die Bühne, und das zahlreiche Publikum sang mir das Geburtstagsständchen.

 

Das war ein Erlebnis, welches mir Mut machte, mich zu entäußern. Ich begann mich mit meiner Persönlichkeit konkret auseinanderzusetzen. Beispiele: Rasur des Schädels als Bejahung meiner Missbildung am rechten Ohr; das Tragen meines Armyfetisches in der Öffentlichkeit; Fotosession; Mitmachen beim Folsom Straßenfest als Schuhputzsklave; Mitmachen bei Events – wie Sklavenlager und Knast.

 

Es dominiert in den entsprechenden Szenen die Neutralität, die hier nicht hoch genug einzuschätzende tendenzielle Teilnahmslosigkeit der Inszenierung. Die kalten, abweisenden Räumlichkeiten eines sogenannten Sklavencamps, an welchem Wolf zur Kultivierung seines Unterwerfungshabitus teilnimmt, erscheinen genauso unnahbar wie die Sexualpraktiken selbst, wenn er sich von den dortigen Wärtern zunächst bereitwillig schikanieren, auf sich urinieren und schließlich auf sein Gesäß einpeitschen lässt.

 

„Es geht mir nicht darum, Zärtlichkeit in anderen Männern zu finden. Das, was ich suche, ist Verständnis“, erklärt er gegen Ende das seinem Handeln obliegende Versprechen. Und gerade das scheint auch der Ertrag dieses wunderbaren Films, nach all dem Zuhören, nach all dem Schauen, zu sein: Nicht die Dinge selbst werden uns Zuschauern nähergebracht, sondern die Tatsache, dass sie diesen einen, bestimmten Menschen glücklich machen und ihr simples Bestehen somit mehr als nur gerechtfertigt ist.

 

Irgendwo wohnt in uns allen doch ein Unfertiger, jemand, der sehnsüchtig etwas sucht, eine Schmerzlinderung, ein kleines, noch so unscheinbares Glück und es im Trubel des Gewohnten und Selbstverständlichen häufig aus den Augen verliert.

(NEGATIV, Michael Brodski, 2013)